Woche 21 bis 23 19. 05. – 07.06. 2009

dscn0245-im-zentrum-der-oberstadt-salvador
im Zentrum der Oberstadt Salvador

Salvador – Regen – Technik – Alltag
„Salvador – Stadt der Geheimnisse und Stadt bzw. Bucht aller Heiligen“

In der Hauptstadt Bahias – Seismozentrum afrobrasilianischer Lebensart – sind die Wurzeln der afrikanischen Vorfahren lebendig: in einer einzigartigen Küche, in Festen voll religiöser Inbrunst und dem grössten Strassenkarneval der Welt. Schwarze Götter mischen sich im grössten katholischen Land friedlich unter christliche Heilige, und mit 76 Kirchen setzt sich Salvador an die Spitze aller brasilianischen Städte.
Salvador empfängt uns vorerst mit schier unaufhörlichem Regen, Regen, Regen und sollte eine ganze Woche anhalten. Die Marina liegt in der Nähe des Fortes Sao Marcelo direkt beim Stadtzentrum – super, alles in kurzer Reichweite.
Üblicher Gang zu den Behörden: 1. Gesundheitsbehörde: wichtige Formularangelegenheit, 2. Police Federal – es fehlt uns ein Stempel vom Staat Paraiba – auf Geheiss des gelangweilten Chefs lässt die mürrische und arrogante Beamtin den Fehler (nicht unserer) gnädig durchgehen. 3. Capitanerie (und Marine-Ausbildung) – militärisch, aber sehr freundlich. 4. mit allen Dokumenten noch beim Marinabüro vorbeigehen, wo diese kopiert werden / ok – alles zum Nulltarif  –  ½ Tag damit vorbei.
Wir lernen Manfred (66) von Milano näher kennen: Oesterreicher, wohnhaft in Milano, war von dort aus weltweit für eine Firma tätig, er hat am Steg seine SY Maus, eine 36-Fuss Van de Stade, ist oft hier in Salvador,, erzählt uns von seinen Antarktis-Erlebnissen und ist Alleinsegler (www.manfredmarktel.it
Als er meinen Windpilot sieht, fragt er interessiert nach meinen Erfahrungen, weil er die  gleiche Windpilotanlage hat. Ich erzähle unsere leidige Geschichte – er hingegen hat nur gute Erfahrungen damit gemacht und findet sofort den Fehler an unserer Anlage heraus – es ist unglaublich, da ärgern wir uns so lange und da kommt jemand und weiss gleich Bescheid, nachdem sich etliche Leute darum gekümmert haben und sich auch Ferndiagnosen als Leerläufe erwiesen – ich bin noch skeptisch – anderntags will Manfred unbedingt auf kurze Testfahrt gehen, was wir dann auch tun – und siehe da, scheint tadellos zu klappen – kann es noch nicht so recht fassen und bin gespannt auf weitere Fahrten.
Aber damit lassen wir uns noch etwas Zeit und der Mechaniker für unsere Motor- und Dieselprobleme offenbar auch. Marcelo der Fachmann für alles kommt vorbei, will morgen mit Kostenvoranschlag und Motorenspezialist um 09.00 wieder da sein.
Weil starker Schwell in die Bucht steht, zerrt unser Boot kräftig an den Festmacherleinen und Klüsen – als Dämpfung befestigen wir Pneus als Reitgewichte an den Vorleinen – trotzdem ist in der folgenden stürmischen Nacht eine Muringleine zerrissen, ohne Folgen, da wir über eine zweite  verfügten.
Nach einer Woche wissen wir einiges über das Leben hier, nicht zuletzt durch Manfred, der gute Kenntnisse hat und uns diese gerne weitergibt. Aus der Nähe erfahren wir, dass das Leben für den grössten Teil der Brasilianer mehr einem täglichen Überleben gleichkommt als etwas anderes. Viele wollen etwas auf der Strasse verkaufen – viele dasselbe – es gibt viele Kinder die betteln und die Kleinkriminalität ist allgegenwärtig. Die Marina ist ein sicherer Hort – aber selbst hier tragen die Sicherheitsleute, die sie 24 Std bewachen, schusssichere Westen – ausserhalb ist das „unsichere Stadtleben“ ein Dauerthema: überall Polizei und Sicherheitsleute, selbst das Touristenbüro weist uns darauf hin keinen Schmuck oder Uhr zu tragen etc.etc. – Manfred gibt uns auch spezifische Verhaltenstips – so z.B. wo man sich nicht zu Fuss bewegen sollte, weil dort jeder Nichtbrasilianer überfallen werde –  auch erhalten wir Ratschläge was wir tun können bzw. unterlassen sollen.
Trotz allem sind die Leute sehr hilfsbereit, freundlich und offen.
Wir erfahren so verschiedene  Dinge wie:

50 Millionen (total 200 Mill.) Brasilianer haben nur ein Mindestmonatsgehalt von 430 R$ (250 CHF). Ein Ladenverkäufer erhält zusätzlich eine kleine Gewinnbeteiligung, falls er etwas verkauft – betritt man ein Geschäft, entsteht häufig der Eindruck es gebe mehr Verkäufer als Kunden…
Wenn jemand in Spitalpflege gehen muss, muss er/ sie oder Verwandte u.U. am Morgen um 02.00 beim Spital anstehen, um eine Aufnahme evtl. in 2 Wochen zu bekommen.
Die rel. kleine, bessergestellte gesellschaftliche Mittelschicht verdient 1200 – 1500 R$ (650 – 800 CHF) – diese Leute verfügen meistens über eine private Krankenkassenversicherung, welche aber ca. ein Drittel des Einkommens weg frisst.
Haben Sie gewusst dass es in Brasilien aber auch sehr, sehr reiche Leute, insbesondere Fazenda-Besitzer gibt, welche Farmen von der Grösse der Schweiz haben und es ständig noch Berichte gibt, dass wieder Leute aus dem Sklavenstatus entlassen wurden?
Die allgemeine Schulbildung ist dürftig – selbst die Universitätsausbildung ist kein Garant für nur annähernden europäischen Standard – bösartige Zungen behaupten, wenn jemand mitgeholfen hat einen Motor wieder instand zu stellen oder sogar einen Kurs gemacht hat, ist er bereits Ingenieur.
Auch Wohnen ist teuer, offenbar selbst in den einfachsten Häusern wie hier üblich. Viele meist jüngere Männer scheinen wohl deshalb auf der Strasse zu leben – schlafen am Boden oder auf den nachts leeren Tischen der Marktstände etc.
Man begegnet vielen Kindmüttern mit ihren Babys oder schwangeren Mädchen, welche nicht um Geld sondern um Nahrungsmittel betteln – kauft man ihnen dann z.B. Crackers und Milch wie gewünscht, sind sie überglücklich. Bei Kindern die um Geld für Nahrung betteln ist Vorsicht geboten, da sie offenbar dann oft alles andere als Nahrungsmittel kaufen – will man helfen, so offeriere man vor Ort z.B. ein Sandwich…
Salvador das heisst auch ständig und fast überall lautes Sprechen und Musik, afrikanische Rhythmen: Ausdruck von Lebensfreude durch Bewegung und Gestik

Nach 7 Regentagen gibt’s, kaum zu glauben, wieder schönes Wetter das 2 Tage anhält, dann ist es wieder regnerisch mit Aufhellungen dazwischen – die Temperaturen sind hier mit 26 – 28° – merke es geht dem Winter entgegen – etwas angenehmer als im 1000 Km nördlicher gelegenen Jacare von wo wir kamen.

Nach 2 Wochen ist auch unser Motor wieder in Ordnung und der Dieseltank (hoffentlich) von Dieselbakterien bzw. „Schlamm“ befreit. Wie sich herausstellte, war wie befürchtet das ganze Dieselsystem erneut wie letztmals auf  den Kanaren, verunreinigt. Abhilfe: 200 Lt ausgepumpt, 7 x mit jeweils ca 8 Lt Diesel „gespült“ – letzte „Spülung“ mit viel Antibakterienmittel versehen, 2 Tage im Tank gelassen – neuen Diesel eingefüllt – alten an Jura (Name) den Helfer verschenkt – er hat 7 Brüder und selber 3 Kinder und war überglücklich – von seinem Chef erfuhren wir, dass er den Diesel für 80 R$ sofort an die Fischer verkaufte (Anmerkung: Diesel wurde offenbar gesiebt und ist für die  robusten Motoren der Fischeboote noch gut brauchbar)
Ausserdem wurde die Wasserpumpe revidiert, die elektr. Dieselförderpumpe ersetzt, sowie der Motorservice gemacht, alles unter tüchtiger Mitarbeit des Eigners (;-), ansonsten ist es auch möglich, dass…
Von Manfred hören wir, dass ihm bei seiner letzten Reise von Salvador nach C. Town durch den Südatlantik der Diesel „einfror“ – brasilianischer Diesel war die Ursache, er enthält Parafin im Gegensatz z.B. zu Diesel aus dem südlicheren Uruguay – worauf er nur unter Segel weiter unterwegs war.

Mit Manfred haben wir viele reisetechnische Erfahrungen austauschen können und besprechen Ausrüstungs- und Sicherheits- Angelegenheiten. Diese betreffen neben Verhaltensfragen und segeltechnischen Massnahmen, besonders die Benützung  sicherheitsrelevanter Geräte unter rauhen Bedingungen unterwegs auf Hochsee. Hier nur kurze Stichworte u.a. zu:
–        Kurzwelle / Pactor : wenn man es genau nimmt, handelt es sich um eine überholte
aufwändige, verbindungstechnisch mühsame und veraltete Technik – auf die Gründe  komme ich zu einem späteren Zeitpunkt wohl noch zurück, da sicher viele ältere, eingefleischte und erfahrene User natürlich widersprechen werden – aber die Zeiten ändern sich…
Verschiedene Segler berichten, dass der Südatlantik ein grosses Loch bezüglich Pactor-Verbindungen aufzuweisen scheint…
Satellitentelefon: zukunftsgerichtet und hält (wenn noch nicht überall, jedoch immer mehr) preislich mit.
Anstelle herkömmlicher Treibanker, setzte sich in letzter Zeit der „Jordan-Series-Drogue“ (Reihen-Treibanker) durch. Mehrere Skipper berichteten vom erfolgreichen Einsatz dieser mit lauter kleinen Konen aus Segeltuch versehenen Leine bei Stürmen.
Rettungsinsel: soll wie bekannt nur im äussersten Notfall (z.B. „wirkliches“ Sinken der Yacht) verwendet werden – mühsam, schwierig und unerträglich wird es jedenfalls je nach Seegebiet, Windstärke und Wellen(höhe). Berichte Geretteter sprechen eine deutliche Sprache. Der Notsack – Beschaffenheit und  Inhalt – ist Bestandteil dieser Diskussion – dabei gibt es keine Rezepte (Anmerkung: wie sie gerne z. B. von gewissen Seefahrtsämtern herausgegeben werden).
Wir sind uns absolut einig – Vorbereitung ist bei Langfahrt die halbe Miete – hier steht mir etwas die Deformation professionell aus früheren Tätigkeiten im Wege bzw kommt uns zu gute – es gilt  immer die Bedingungen Mensch, Ort, Material abzuklären bzw. einzuschätzen und Mankos zu beseitigen. Nur unter diesen Voraussetzungen ist es möglich im Dringlichkeitsfall „richtig“ nach dem Prinzip von heute hier und jetzt zu handeln. Dies heisst eine Reise in einem bestimmten Seegebiet möglichst optimal vorbereitet antreten – allein darüber gibt es ganze Bücher – speziell sicherheits-relevantes (Rettungs-) Material muss dabei vorhanden und in qualitativ und funktionell gutem Zustand sein (prüfen). Das Handling damit muss bekannt und geübt sein!
In der Praxis ist dies für Alleinsegler wie Manfred oder kleine Crew wie wir von besonderer Bedeutung, wenn auch nicht immer einfach umzusetzen – wie try to do the best.

Impressionen – Woche 21 bis 23 19. 05. – 07.06. 2009:

dscn0227-unser-nachbar-hatte-nachts-einen-zum-glueck-nur-leichten-zusammenstoss-mit-einem-frachter-verbogener-bugsprit dscn0228-an-der-hoehe-der-stegpfosten-ist-sichtbar-dass-z-z-niedriewasser-ist dscn0232-abendliche-aussicht-auf-forte-sao-marcelo dscn0235-unter-segel-in-den-hafen dscn0238-und-schliesslich-mit-manpower-bzw-stossen-mit-stange-an-den-liegeplatz dscn0240-die-berittene-polizei-hat-sie-im-schatten-parkiert dscn0243-blick-von-der-oberstadt-salvador dscn0247-l-i-vordergrund-marineschule-und-capitanerie dscn0248a-nicone-zwischen-zwei-grossen dscn0250-aussichten dscn0257-begruessung-am-morgen dscn0260a-kurz-nach-17-00-taucht-die-sonne-unter dscn0263-einfachstes-aber-gekonntes-segeln dscn0266-ausflug-mit-kursschiff-zur-nachbarsinsel-itaparica dscn0270-die-matrosen-des-kursschiffes dscn0271-passagierin dscn0282-kursboote-hinter-dem-riff-von-itaparica-vor-anker dscn0284a-am-landesteg dscn0288-exotische-baumfrucht dscn0292-strand-von-itaparica dscn0295-sonntagabend dscn0300-ein-oelbohrturm-wurde-fuer-revisionsarbeiten-zur-nebean-liegenden-werft-geschleppt dscn0300a-tag-und-nacht-wurde-am-hereingeschleppten-bohrturm-geschweisst dscn0300b-arbeiten-am-bohrturm dscn0301a-nahverkehrs-bootstaxi dscn0302-jura-name-mit-verschmutztem-diesel dscn0303a-einer-der-100-kleinen-fallschirme-um-das-boot-zu-bremsen dscn0304-diese-20-m-segelyacht-macht-charter-in-die-antarktis dscn0305-heimkehrende-fischer dscn0306-handwerksarbeit-bei-kaffee dscn0306a-spleissen dscn0306b-ein-spleiss-ist-einfach-herzustellen dscn0307-zu-besuch-bei-silvana-und-ihrer-mutter dscn0308-silvana-mit-hunden dscn0309-am-strand dscn0309a-am-strand dscn0310-demo dscn0311-berittene-polizei

Comments are closed.