Musik - Rhythmus - „Lärm“
…als ich eines Nachmittags in die Stadt gehe, sitzt innerhalb der Marina ein bewaffneter Polizist in Uniform auf einem Betonsockel und schlägt selbstvergessen zur lauten Musik, die aus der Stadt herüber schallt, mit den Händen gekonnt den Rhythmus auf einer Holzkiste. Niemand beachtet ihn besonders. Dies ist typisch für Bahia, Hochburg für die Pflege hergebrachter (Sklaven-) Musik und Rhythmen.
Überall und jederzeit wird das Leben hier von lauter Musik und intensiven Rhythmen begleitet. Ebenso überall Menschen welche sich mitbewegen und z.T. mitsingen. Ertappte mich des Öfteren, dass ich versunken in die Klänge, mitwippte, mit Händen oder Füssen den Takt klopfte oder mitgerissen lauschte. Man kann und will sich dem gar nicht entziehen. Es handelt sich dabei immer um brasilianische Musik und Gesang auf Portugiesisch - etwas anderes scheint kein Platz zu haben.
In der Stadt begegnet man auf Schritt und Tritt Verkäufern, welche meist auf dem Boden ausgebreitete kopierte CD’s anbieten. Dann wieder einem stehenden Auto mit geöffneter Heckklappe und von dort Musik aus überdimensionierten Lautsprechern.
Das aber hindert besonders Restaurants und andere Strassenverkäufer überhaupt nicht, ihre eigenen Rhythmen über Radio „auszusenden“ - fortwährende und sich konkurrenzierende Musik - niemand stört es - im Gegenteil den Brasilianern scheint es Lebenselixier zu sein.
Am Steg in der Marina werden von vielen Brasilianern an verschiedenen Booten Arbeiten durchgeführt oder es handelt sich um Angestellte, welche Boote von Eignern pflegen. Es ist klar, dass dazu Musik gehört - am besten auf jedem Boot lautstark unterschiedliche Musik - es gehört dazu - wie auch lautes Reden und Lachen - oft werden einander über grosse Distanzen Alltägliches und nichts von Bedeutung zugerufen.
Heute ist Sonntag und morgen ist der 7. September, der Brazil-Independent-Day. Grund genug dies ab letzten Freitag wohl bis nächsten Dienstag zu feiern - Brasilianer verstehen es nach Selbstaussagen ausgezeichnet, Feiertage - und es gibt viele - nach Möglichkeit auf Dienstag und/oder Donnerstag zu verlegen. Viele machen dann gleich „die Brücke“. Also seit Freitag herrscht überall noch vermehrt Freizeitfeeling, begleitet von Musik. Wir liegen mit vielen andern Segelbooten vor Anker in Itaparica, weil es normalerweise hier ruhig ist - Wasser und Ort - nicht so jetzt - wir werden fast Tag und Nacht vom Ufer her beschallt. Dazu viele vorbeifahrende Ausflugs- und private Motorboote, welche uns nicht nur Wellen, sondern natürlich auch laute Musik bescheren. Dabei nimmt sich La Paloma und der Schneewalzer, gespielt auf dem „Schifferklavier“ unseres Segelnachbars kleinlaut und exotisch aus (;-)
Ein besonderes Kapitel sind Autos mit überlauten Lautsprechern - von weit her und dann, weil langsam fahrend, noch lange zu hören… sofern sie nicht einen Standort beziehen. In Salvador kommt es öfters vor, dass mehrmals in der Nacht plötzlich auf der Strasse von einem Auto laute Musik ertönt - wie man uns erklärt, handelt es sich dabei meist um zwielichtige Verkäufer von gestohlener Ware, bzw. Alkohol und Drogen. Die „Kunden“ kommen dann von den lauten Rhythmen „angelockt“ zum Auto, das für kurze Zeit anhält …