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Brasilianer wie wir sie erlebten


Um es vorne weg zu nehmen, die Brasilianer erlebten wir ganz allgemein - offen, extravertiert, äusserst freundlich aber nicht aufdringlich, hilfsbereit, interessiert und Anteil nehmend, scheinen sich über Alltägliches amüsieren zu können, meist fröhlich
und ohne zu meinen sie hätten „die Welt erfunden“.
Ohne Anstrengung kommt man mit ihnen auf natürliche Weise in Kontakt auch wenn teilweise grosse Sprachbarrieren bestehen. Nur ganz wenige sprechen etwas englisch; wir nur wenig portugiesisch - am ehesten leiht man sich etwas spanisch und italienisch aus. Aber auch Zeichensprache sowie Hände und Füsse tragen zur Verständigung bei.
Was immer wieder beeindruckt, ist die Bereitschaft der Brasilianer sich auf etwas einzulassen und sich dafür Zeit zu nehmen, bzw. für uns aufzuwenden - fast undenkbar im hektischen Europa. Die Spontaneität die sie dabei entwickeln, ist  beeindruckend - oft kann alles andere warten, um etwas gemeinsam „heute hier und jetzt“ anzupacken oder zu erledigen. Als wir beispielsweise mit unseren neuen brasilianischen Stegnachbarn Dorival und Catarina in Kontakt kommen, hatten diese bereits Wind bekommen von meiner Leistenoperation und waren sehr um mich bekümmert. Zu dieser Zeit sollten an unserem Boot noch diverse elektronische Arbeiten verrichtet werden. Als Dorival davon erfuhr, meinte er, dass wir dies sofort anpacken sollten. Es stellte sich heraus, dass er Elektronik-Ingenieur und lange im Antennenbau tätig war. Er überprüfte das Seefunkgerät, Tuner und Antenne und half mir die schlecht funktionierende Antenne zu ersetzen - nun funktioniert alles aufs Beste. Darüber hinaus war er ein ausgezeichneter Lehrer und weihte mich in viele Details des Funkverkehrs ein, worüber ich zwar gelesen hatte, aber noch nicht richtig anzuwenden wusste.
Typisch auch folgendes Erlebnis: kürzlich legte Joseph mit kleiner Crew - alle drei Brasilianer - und grosser Beneteau neben uns an. Wir halfen beim Anlegemanöver. Dabei ergibt sich wie so oft, ein gegenseitiger Austausch über das „woher, wohin“ - aber wir sollen doch zum speziellen Brasilianischan Moqueca-Essen (eine Art Fischsuppe) aufs Boot kommen.
Das Essen war sehr fein zubereitet und eine Köstlichkeit - ja und falls wir südwärts segeln würden, müssten wir unbedingt diese und jene Ankerplätze anlaufen und uns bei ihnen melden, wenn wir dann da sind. Fast schon entschuldigend meinen sie, dass sie halt nur vorwiegend an Brasiliens Küste segeln würden - Anmerkung: diese hat immerhin eine Länge von 7800 Km und hat alles zu bieten, was das Herz begehrt. Wir wollen uns am nächsten Tag revanchieren - können aber nicht, weil das Mitseglerpaar das Boot verlässt und Joseph - er ist Profi-Skipper - neue Gäste , darunter auch den Bootseigner erwartet. Darauf hin luden wir selbst Freunde auf unser Boot ein und konnten daher einer anderen spontanen Einladung von brasilianischen Seglern zu gegrilltem Fisch nicht folgen.
Aber auch auf der Strasse, in Geschäften, bei Behörden ist man freundlich und versucht über das formal übliche hinaus guten Service zu bieten und Kontakte herzustellen. Dass dabei das fachliche Anliegen manchmal etwas auf der Strecke bleibt, ist nicht von Weltuntergang geprägt - man hat meistens Zeit und eine Lösung in Aussicht. In einer Stadt wie Salvador mit über 2 Mill. Einwohnern bekommt man alles was man irgendwie benötigt. Die Schwierigkeit ist höchstens wo, weil es für fast alles irgendwelche Spezialgeschäfte gibt. Als ich unbedingt einen spez. Kippschalter benötigte und diesen dem Taxichauffeur zeigte, beriet sich dieser kurz mit einem Kollegen und fuhr schnurstracks, nur ein kurzes Stück zu einem Kleinstgeschäft, das nur kleine Schalter verkaufte - tipp-topp - hätte es aber selber nie gefunden.
Am Bugstrahler war die Sicherung, eine - spez. Keramik-Platten-Sicherung defekt. Als wir die Elektronik-Strasse mit nur Elektro-Geschäften gefunden und in 5 Läden nachgefragt hatten, machten alle erstaunte Gesichter  - eine solche Sicherung hatten sie noch nie gesehen, kurz eine solche gäbe es hier nicht, wollten aber mehr über unser Schicksal erfahren als klar war, dass diese für unser Boot war. Ein hinzu gekommener Angestellter machte sich auf den Weg - wir sollen warten - er gehe schauen. Es dauerte bis er zurück kam - unterdessen erfuhren wir auch die Lebensgeschichten der zwei andern Angestellten und des Geschäftsinhabers - er führte uns dann in eine entfernte Nebengasse zu einem unscheinbaren Geschäft wo die Geschäftsführerin und ihr Vater sowie ein Angestellter die Sicherung fotografierten und aufzeichneten, dann telefonierten und sagten dass sie in zwei Tagen von Sao Paulo kommend hier sein werde - wir waren erfreut, erstaunt und skeptisch zugleich - aber nach zwei Tagen erhielten wir prompt einen Telefonanruf und konnten das begehrte Stück inkl Reserve abholen.
Etwas gebildete Brasilianer finden, Brasilien sollte sich nicht, wie dies teilweise geschieht, allzu sehr an die USA anlehnen und stehen deren Gebräuchen und Politik mit objektiver Distanz gegenüber. Brasilianer verhalten sich eher abwartend und  Zwischenlösungen bevorzugend, als bei Problemen irgendwelcher Art, eine aggressive Strategie zu verfolgen.
Interessant war für uns, dass alle Brasilianer inkl. Jugendliche etwas über die Schweiz wissen. Selber sind sie nicht so sehr reisefreudig - warum sollten sie auch - das Land hat alles zu bieten was man sich vorstellen kann - tatsächlich scheinen auch Studierende an den Universitäten kaum das Bedürfnis zu haben in einem andern Land zu studieren und wollen später Ziele im eigenen Land verfolgen. Sicher muss dabei auch erwähnt werden, dass alles mit weniger Hektik als im altgedienten Europa abläuft und Brasilien auch noch über grosses Entwicklungspotential verfügt.