Als Mitsegler in der Türkei
von Hans Howald
Die Story vom türkischen Coiffeur hat Folgen
Als im Sommer bei Peters langjährigen Coiffeusen im Nidauer Salon LUI der Bericht von seinem Besuch bei einem Berufskollegen in der Türkei eintraf, konnte das nicht lange ohne Folgen bleiben. Wie andere Kunden wurde auch ich auf die lustige Geschichte und die Internetseite der NICONE aufmerksam gemacht. Zu Hause angekommen habe ich die sehr interessante Homepage natürlich sofort geöffnet und von A bis Z studiert. Neben den faszinierenden Reiseerlebnissen und Bildern aus Revieren in Kroatien, Griechenland und der Türkei, die ich auf mehreren eigenen Segeltörns selber besucht hatte, fanden zwei Rubriken mein ganz besonderes Interesse: "The Plan" und "Mitsegeln". Wie oft hatte ich doch davon geträumt, nach der Pensionierung selber über alle Weltmeere zu segeln und nun bot sich plötzlich die Möglichkeit, bei Peter und Leena an Bord ihres Schiffs wenigstens einen kleinen Teil einer grossen Reise mitzuerleben.
Peter und ich kennen uns als ehemalige Arbeitskollegen an der ETS Magglingen seit über 30 Jahren sehr gut und so war es kein Problem, per E-Mail mit ihm Kontakt aufzunehmen. Bald war es beschlossene Sache, dass ich ihn und Leena als Mitsegler eine ordentliche Strecke ihres Weges entlang der türkischen Küste würde begleiten können. Weil die Beiden bereits einen Landausflug nach Istanbul geplant hatten, bot sich als Treffpunkt die Region Izmir mit ihrem internationalen Flughafen an. Da jedoch alle Segelhandbücher davon abraten, mit einer Yacht den Hafen von Izmir anzusteuern, einigten wir uns als Ausgangspunkt der gemeinsamen Reise auf die Stadt Cesme, die von Izmir aus per Bus in knapp 2 Stunden bequem zu erreichen ist. Ziel der Reise und deren Dauer standen auch bereits fest, weil ab 17. November in der Netsel Marina in Marmaris mit Überholungs-arbeiten an der NICONE begonnen werden sollte.

Am Samstag, 3. November landete die Maschine der SunExpress nach ruhigem Flug ab Zürich auf die Minute genau auf dem Flughafen von Izmir und die Weiterreise nach Cesme war dank Peters Instruktionen auch kein Problem. Der Bus-Chauffeur meinte es aber etwas allzu gut mit mir, indem er mich samt Seesack direkt am Eingang zur Marina absetzte, während Leena und Peter am Bus-Terminal auf mich warteten. Im Zeitalter des Handys lassen sich solche Pannen mit einem kurzen Anruf leicht beheben, auch wenn das Gespräch von der Türkei über die Schweiz wieder nach der Türkei läuft … Nach herzlicher Begrüssung am Tor zur Marina ging's an Bord der NICONE, wo ich meine Koje im Bug des Schiffes beziehen konnte. Der Rest des Abends verging mit einem ausgezeichneten Essen aus Leenas Küche, dem Auspacken von Mitbringseln aus der Schweiz und einem intensiven Erfahrungsaustausch über frühere Segelerlebnisse unglaublich schnell!
Kusadasi, Ephesos und der Apostel Paulus
Bei sonnigem und angenehm warmem Wetter starteten wir am nächsten Morgen zur ersten Etappe unserer Reise, die uns über rund 300 Seemeilen zur Endstation Marmaris bringen sollte. Als erstes Zwischenziel bot sich Kusadasi an, umso mehr als wir von dort aus als kulturelles Highlight die Ausgrabungen der antiken Stadt Ephesos besichtigen wollten. Die enge Passage zwischen der griechischen Insel Chios an Steuerbord und dem türkischen Festland an Backbord liessen wir unter Motor rasch hinter uns und nahmen Kurs auf Kusadasi. Während einer guten Stunde kam aus Nord eine schwache Brise auf, welche die NICONE mit voller Segelgarderobe (Gross, Genua und Besan) auf 4-5 Knoten beschleunigte. Bereits jetzt konnte ich mich davon überzeugen, dass Peter und Leena bei der Handhabung der Segel inzwischen ein perfekt aufeinander eingestimmtes Team bilden. Ich widmete mich unterdessen der Navigation und der groben Planung für die kommenden Tage, wobei mir mein privater GPS mit den für diesen Törn gespeicherten rund 100 Seekarten wie immer sehr gute Dienste leistete. Das Resultat meiner "Arbeit" muss Kapitän Peter so beeindruckt haben, dass er mich unverzüglich zum Navigator für die ganze Reise beförderte!
Weil der Wind bald wieder einschlief, begnügten wir uns für den ersten Reisetag mit 24 Seemeilen und gingen in der rundum gut geschützten Bucht Nerkis Limani als einziges Schiff weit und breit vor Anker. Auch der nächste Tag war windstill, so dass der Diesel für die ganzen verbleibenden 42 Meilen bis Kusadasi einspringen musste. Die Steuerung der NICONE konnten wir auf dem schnurgeraden Kurs getrost dem Autopiloten überlassen und so blieb der Crew jede Menge Zeit für nostalgische Gespräche. Dabei kamen immer wieder Erinnerungen aus unserer früheren Tätigkeit in Magglingen aufs Tapet, was im Sinne der Vergangenheitsbewältigung zweier Pensionierter offensichtlich einem Bedürfnis entsprach und sowohl für Peter wie für mich ganz wohltuend war. Überraschend schnell erreichten wir Kusadasi, wo uns in der Marina inmitten anderer Segelyachten ein freier Platz am mittleren Steg zugewiesen wurde.


GPS-Navigation im Cockpit
Im Morgengrauen wurde in Sichtweite unseres Stegs die riesige GALAXY festgemacht. Dieses Schiff ist 264 Meter lang und 32 Meter breit. Es verfügt auf seinen 10 Decks über fast 1000 Kabinen und kann 2000 Passagiere aufnehmen, welche von 1000 Besatzungsmitgliedern betreut werden. Knapp eine Stunde nach dem Anlegemanöver wurden hunderte von Amerikanern, Japanern, Koreanern und Mitreisenden aus vielen andern Ländern dieser Welt in zahllose Reisebusse gesetzt und nach Ephesos gefahren. Nachdem sie am Eingang zu den Ausgrabungsstätten wegen des leichten Regens mit Schirmen ("Umbrella, Umbrella, Umbrella"!) oder Plasticmänteln versehen waren, wurden sie unter der Leitung ihrer Reiseführer in grösseren Gruppen zügig durch das Gelände geschleust und am Ausgang wieder verladen. Noch vor Einbruch der Abenddämmerung waren sie alle wieder an Bord und die GALAXY verliess den Hafen mit Kurs zum nächsten Zwischenziel der Kreuzfahrt.
Als Einzelreisende auf einem viel kleineren und langsameren Schiff gestalteten wir natürlich unseren Besuch in Ephesos wesentlich gemütlicher. Das Ende des Regenschauers wurde im Trockenen bei einem Glas Apfeltee abgewartet und die einzelnen Sehenswürdigkeiten haben wir nach Gutdünken oder persönlichem Geschmack besichtigt oder fotografiert. Das Ergebnis unserer Fotopirsch würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen, kann aber in der Foto-Rubrik von Peters Homepage aufgespürt werden. So publiziere ich hier lediglich zwei Stimmungsbilder zum Rummel der Kreuzfahrer, denen in der Nähe des antiken Theaters sogar eine kleine Show mit echten (?) Römern in echten (?) historischen Gewändern geboten wurde.

Gruppe 30 der GALAXY – Kreuzfahrer

Show mit "römischen" Darstellern
Der Apostel Paulus war sicher kein Kreuzfahrer im heutigen Stil. Es ist aber überliefert, dass er mehrere Seereisen entlang der türkischen Küste unternahm und in den Jahren 53 bis 57 nach Christus in Ephesos lebte. Auf unserer Weiterfahrt befanden wir uns also gewissermassen in seinem Kielwasser. Ob die "antike" Wetterstation in der Marina von Kusadasi bereits zu Paulus' Zeiten aufgestellt war, ist nicht mehr zu eruieren. In unserem Fall hing der Stein ganz ruhig und war trocken, was sonnige, aber vorerst windstille Verhältnisse versprach. Der von uns lange ersehnte Wind kam erst bei der Einfahrt zur Strasse von Samos auf, pfiff dann aber bald einmal mit Stärke 5-6 von den hohen Bergen der grossen griechischen Insel herunter. Unter Genua und Besan lief die NICONE zur grossen Freude ihrer Crew gute 7 Knoten, so dass das westliche Ende dieses Engpasses zwischen Griechenland und der Türkei rasch erreicht war. Nach einer perfekten Halse konnten wir die idyllische Ankerbucht am südlichen Ende von Kap Dip Burun direkt ansteuern, welche vor bald 2000 Jahren bereits vom Apostel Paulus besucht wurde und jetzt seinen Namen trägt. Vielleicht grub sich unser Anker sogar auf dem gleichen Flecken Sand ein wie derjenige von Paulus und möglicherweise wurde auch der Apostel mit einem so spektakulären Sonnenuntergang verwöhnt wie wir. Was aber dem lieben Paulus sicher nicht zur Verfügung stand, war der direkt aus der Schweiz importierte Vacherin Mont d'Or, den uns Leena an diesem historischen Ort zum Abendessen auftischte ...

"antike" Wetterstation
Sonnenuntergang in der Bucht des Apostels Paulus
Zum Kuaförü in einer türkischen Silbermine
Nach einer ruhigen Nacht in Apostel Paulus' Schoss starteten wir zum nächsten, 45 Seemeilen langen Abschnitt unserer Reise. Auf Kurs Süd segelten wir mit einem kräftigen Wind aus Ost - Südost der flachen Küste des türkischen Festlandes entlang, immer darauf bedacht, den Untiefen in Landnähe und der Grenze zu Griechenland im Westen nicht zu nahe zu kommen. Ab Mittag wurde die schöne Brise durch eine totale Flaute abgelöst, so dass wir unser Tagesziel Gümüslük nur mit Hilfe der Maschine erreichen konnten. Der Name des Ortes mit seinem reizvollen Naturhafen hat weder mit Gemüse noch mit Glück etwas zu tun, sondern er bedeutet "Silbermine", weil hier im Mittelalter offenbar Silber abgebaut wurde. Heute wird aber in den zahlreichen, bei Touristen aus der Region Bodrum beliebten Restaurants rund um die Bucht nur noch Fisch versilbert. Das bekam bei einem guten Abendessen übrigens auch unsere Bordkasse empfindlich zu spüren!

NICONE am Gemeindesteg von Gümüslük
Der Herrencoiffeur wartet auf Kunden
Auf einem Morgenspaziergang durch den Hafen entdeckte ich den kleinen Salon des Dorfcoiffeurs oder eben des Kuaförü. Will noch jemand sagen, Türkisch sei eine schwierige Sprache? Da Peter bei einem andern türkischen Coiffeur (siehe früheren Bericht auf seiner Homepage) und ich im Salon LUI in Nidau vor nicht allzu langer Zeit gut frisiert worden waren, bestand für uns kein Grund, den Service des jungen Herrn hier in Gümüslük in Anspruch zu nehmen.
Bodrum bei Schönwetter und bei Sturm
Bei herrlichem Sonnenschein nahmen wir lieber unsere Fahrt südwärts wieder auf, von hinten angetrieben durch eine ideale Brise, die Peter und Leena natürlich sofort zum Setzen des Spinnakers bewog. Das bunte Tuch und die Sicht hinüber zu den griechischen Inseln um Kos liess die Herzen der ganzen Crew ganz eindeutig höher schlagen!

Unter Spi …

… und mit halbem Wind nach Bodrum
Nur zu rasch war nach 2 Stunden der Punkt erreicht, an dem wir zur Ansteuerung von Bodrum auf Kurs Ost gehen und den Spi bergen mussten. Bei anhaltendem Nordwind blieb es jedoch allemal ein perfekter Segeltag und die Einfahrt zur Marina von Bodrum wurde bereits um drei Uhr nachmittags erreicht.

Ansteuerungstonne und Kreuzritterburg
Eine Gület verlässt die Marina Bodrum
Das weite Rund des Hafenbeckens war so spät in der Saison vor allem mit Gülets, den traditionellen türkischen Gross-Seglern, voll besetzt, welche in ihrem Heimathafen den Winter verbringen. Wir mussten deshalb froh sein, vom freundlichen Marina-Personal in der engen Ecke direkt neben den Booten der Küstenwache einen freien Platz zugewiesen zu erhalten.
Einer unbestimmten Vorahnung folgend, entschloss ich mich, die riesige Kreuzritterburg bei bestem Wetter noch an diesem Spätnachmittag zu besuchen. Mit dem Dinghi führte mich Peter quer durch den Hafen zum Eingang dieser imposanten Anlage, in welcher sich unter anderem ein Museum für Unterwasser-Archäologie befindet. Im Laufe der Jahrhunderte sind an den felsigen Küsten der heutigen Türkei viele Schiffe mitsamt ihrer Ausrüstung und Ladung gesunken. Von Tauchern geborgene Funde sind im Museum ausgestellt und erlauben uns wertvolle Einblicke in den Alltag und die Kultur unserer segelnden Vorfahren. Unvergesslich bleibt aber auch der Ausblick von den Türmen und Terrassen der Burg auf das im Licht der untergehenden Sonne ganz ruhig daliegende Meer.
Nur zwölf Stunden später sollte sich das gleiche Meer von einer ganz anderen Seite zeigen. Über Nacht war einer der auch heute noch gefürchteten Stürme aus Süden, ein sogenannter Lodos aufgekommen. Innert vier Stunden sank unser Barometer von 1014 auf nur noch 1000 Hektopascal und die Nadel des Windmessers zeigte sogar im sicheren Hafen bald einmal Windstärke 8 bis 10 an. Ausserhalb der Hafenmole erreichte die Gischt der anrollenden Wellen in regelmässigen Abständen die Höhe von dreistöckigen Häusern und im Hafenbecken selber trugen die Wellenkämme Schaumkronen. Kein Wunder, dass rundum in der Marina alle Schiffe mit zusätzlichen Leinen und Fendern gesichert wurden. Jetzt konnten wir uns aber auch vorstellen, wie es gewesen sein muss, wenn in den Zeiten vor der Erfindung des Barometers und vor Einführung zuverlässiger Wetterprognosen ein Segelschiff vor einer Felsenküste von so einem Lodos überrascht wurde!

10. November 2007: Lodos in Bodrum
Ruhe nach dem Sturm: Südküste der Halbinsel Datça im Hisarönü-Golf
So schnell wie er gekommen war, klang der Sturm auch wieder ab. Bei optimaler Fernsicht nahmen wir von Bodrum aus Kurs auf das Westkap der langgestreckten Halbinsel Datça und bogen ein in den ebenso langen Hisarönü-Golf. Gute 100 Meter über dem Kap steht das Leuchtfeuer Knidos, benannt nach der im 4. Jahrhundert vor Christus gegründeten Stadt der Aphrodite. Knidos spielte in der antiken Seefahrt dank seiner speziellen geographischen Lage eine sehr wichtige Rolle und wurde sowohl von Handelsschiffen wie von Galeeren angelaufen, welche in zwei voneinander getrennten Buchten vor Anker gingen. Weil aber auch die grössere Bucht gegen Südwinde nur unzureichenden Schutz bietet, entschlossen wir uns nach den Erfahrungen mit dem Lodos des Vortages, direkt in östlicher Richtung weiterzusegeln und das Städtchen Datça anzulaufen.

Rundung des Leuchtfeuers Knidos im tiefblauen Wasser der Aegaeis
Bereits am nächsten Morgen machte sich der angekündigte Südwind bemerkbar, zunächst nur in Form einer Dünung, aber schon bald darauf rasch zunehmend auf Stärke 4-5 mit entsprechenden Wellen. Für unseren Kurs parallel zur Südküste der Halbinsel Datça war dies ideal, konnten wir die NICONE doch unter Genua und Besan mit halbem Wind so richtig laufen lassen. Jedenfalls lagen die 26 Seemeilen bis an das östlichste Ende des Hisarönü-Golfs rasch hinter uns und wir konnten das Schiff schon früh am Nachmittag in der Bucht Keçi Bükü (schon wieder so ein türkisch klingender Name!) im Schutz einer kleinen Insel vor Anker legen. Das Endziel Marmaris lag jetzt in der Luftlinie nur noch 10 Meilen entfernt, wenn auch verborgen hinter mehr als 1000 Meter hohen Bergen, von deren Gipfeln herunter wir bis zum Einbruch der Nacht immer wieder mit kräftigen Fallböen eingedeckt wurden. Wenn der Anker aber so gut hält wie derjenige der NICONE, ist dies natürlich kein Problem.
Wildwasserfahrer Peter Bäni in seinem Element


Der Dienstag, 13. November 2007 entwickelte sich so richtig nach dem Geschmack von Skipper Peter. Der Ablauf lässt sich gut in der Originalaufzeichnung aus dem GPS verfolgen (grüne Linie mit schwarzen Punkten). Kaum hatten wir die schützende Bucht Keçi Bükü verlassen, zog von Südwesten her eine dunkle Gewitterfront mit böigem Wind auf. Nach den ersten Wenden im relativ engen Kanal kam eine dicke Wolke direkt auf uns zu. Unmengen von Regen prasselten auf die NICONE nieder und nahmen uns praktisch jede Sicht. Der Kapitän freute sich dabei vor allem über die gründliche und erst noch kostenfreie Deckwäsche (!). Als wir schon an ein Ausweichen in die Bucht Selimiye Koyu zu denken begannen, war der Spuk vorbei und das Kreuzen hoch am Wind konnte im jetzt breiteren Fahrwasser des Hisarönü Körfezi fortgesetzt werden. Mit zwei Reffs im Gross und einem weiteren in der Genua bewies das Schiff trotz Windstärken von 6 bis 7 Beaufort mit entsprechend hohen Wellen bemerkenswerte Segeleigenschaften, was sich im Diagramm anhand der Wendewinkel von weniger als 90 Grad schön ablesen lässt. Selbstverständlich sind solch gute Werte auch das Verdienst einer erfahrenen Crew: so wie Peter früher seine Kajaks im Wildwasser durch die Slalomtore gesteuert hat, nützte er jetzt trotz vielen felsigen Klippen auf beiden Seiten des Fahrwassers dessen volle Breite souverän aus, immer unterstützt vom GPS des Navigators, der auch bei diesen rauen Bedingungen immer noch keine Anzeichen von Seekrankheit zeigte (natürlich nicht der GPS, sondern der Mitsegler!). Leena und ich waren trotzdem froh, dass uns Peter nicht auch noch dem Stress einer Eskimorolle aussetzte. Dafür gönnten wir ihm aber nach Erreichen des nächsten Ankerplatzes das Vergnügen, unsere Teetassen samt Löffeln wie vorher das Schiff ordentlich krängen zu lassen.
Auf den Tassen steht übrigens in bestem Latein der Sinnspruch "Navigare vivere est" (in Deutsch "Segeln heisst leben"). Kürzer kann man die Erlebnisse dieses Tages wohl kaum zusammenfassen, der uns sehr anschaulich bewiesen hat, dass Peter, Leena und ihre NICONE auf See auch härteren Anforderungen gewachsen sind. Fast will es mir scheinen, Peter im knallgelben Hochseeanzug und ausgerüstet mit Schwimmweste plus Sicherheitsleine träume bereits davon, das enge Mittelmeer gegen die Weiten grösserer Ozeane zu tauschen …
Nachdem wir das Kap Atabol sauber gerundet hatten, näherten wir uns auf SSE-Kurs der S-Spitze der Insel Kizil und damit der recht engen Zufahrt zum früheren Schwammfischer-Hafen des Dorfes Bozburun, das heute Yesilova heisst. Kreuzfahrtschiffe mit den Dimensionen der GALAXY können diesen Hafen sicher nicht erreichen, was jedoch für einfache Yachttouristen eher von Vorteil sein dürfte.


Yesilova - Geburtsort und Winterlager vieler Gülets
Gerade durch seine Lage etwas abseits von den grossen Touristenströmen ist Yesilova ein unverdorbenes typisch türkisches Dorf geblieben. Weil wir gut in unserem Zeitplan lagen, legten wir ausserhalb des kleinen Hafens vor Anker liegend einen Ruhetag ein. Am Vormittag wurden auf einem Dorfbummel die Küchenvorräte ergänzt, im Internet-Café E-Mails erledigt und Wetterkarten konsultiert, sowie auf einer ausgiebigen Fotosafari Schnappschüsse vom Fischerhafen, spielenden Männern auf dem Hauptplatz und von der für den kleinen Ort eher überdimensionierten Moschee mit ihrem hohen Minarett geschossen. Während der Kaffeepause auf der sonnigen Terrasse eines Restaurants beglückte uns ein bemerkenswert musikalischer Muezzin mit seinem Gesang, ohne dass dabei wie sonst üblich die Lautsprecher schepperten.

Fischerhafen von Yesilova mit Moschee

Auswassern einer Gület
Nachmittags fuhren Peter und ich mit dem Dinghi zu einer kleinen benachbarten Bucht, an deren Ufer bereits mehrere Gülets für die Überwinterung auf dem Trockenen standen. Und wir hatten Glück: eine Gruppe von 6 Männern war gerade dabei, eine immerhin 100 Tonnen schwere Gület ohne Zuhilfenahme eines Krans an Land zu bringen. Am Morgen war das Schiff aus eigener Kraft vom Hafen auf eine Art Holzschlitten gefahren, welcher beschwert mit Felsbrocken unter Wasser auf einer schrägen, mit massiven Eichenbalken belegten Ebene lag. Am landseitigen Ende dieses Schlittens setzt ein dickes Stahlseil an, das über einen grossen, auf dem Boden liegenden Flaschenzug mit einer im Boden verankerten Winde verbunden ist. Die Trommel dieser Winde wird von einem erstaunlich kleinen Dieselmotor angetrieben und das Ganze wird von einem einzigen Mann bedient, der nichts anderes zu tun hat, als das andere Ende des Stahlseils sauber über die Trommel laufen zu lassen. Die am Heck des Schiffes freiwerdenden Balken werden von einem Helfer aufgenommen und vor dem Bug wieder ausgelegt. Ein weiterer Mann sorgt für leichteres Gleiten des Schlittens, indem er die Balken mit einer schwarzen, grausam stinkenden Brühe "einseift". Dank dieses Anschauungsunterrichts wissen wir jetzt besser, was mit dem uralten Begriff vom Aufslippen eines Bootes ursprünglich gemeint ist.
In Yesilova befinden sich auch einige der ganz wenigen Werften, in welchen die klassischen Gülets noch gebaut werden, und dies in traditioneller Holzbauweise. So konnten wir auf Vorplätzen einfachster Werkstätten Rohbauten dieser schönen Schiffe bewundern, die dort im Freien auf Kiel gelegt und in mühsamer Handarbeit fertiggestellt werden. Manch ein ausländischer Segler hat sich sogar in so eine Gület verliebt und wollte sie nach dem Kauf in sein Heimrevier überführen. Ich habe aber von einem Fall gehört, in welchem das neue Schiff fernab der türkischen Küste der Belastung durch hohe Wellen nicht gewachsen war und unter den Füssen der Crew buchstäblich auseinanderbrach. Peter und Leena sind also sicher besser beraten, wenn sie weiterhin auf die Solidität und Stabilität ihrer NICONE vertrauen!
"Endspurt" nach Marmaris
Bereits in der Nacht kam wieder aus dem Sektor Süd Wind auf, der bald nach Verlassen unseres Ankerplatzes auf Stärke 5 bis 6 auffrischte und recht hohen Wellengang erzeugte. Unter Genua und Besan machte die NICONE gute Fahrt durch den Yesilova-Golf in Richtung Kap Karaburun. Für den Navigator stellte sich die nicht unwichtige Aufgabe, die virtuelle, nur in der Seekarte verzeichnete türkisch-griechische Grenze nicht zu überqueren, was mit einer Wende im richtigen Augenblick auch gelang. An der Felsküste fanden wir später auch problemlos die schmale Lücke zur Einfahrt in den Serçe Limani, eine spektakuläre Bucht, in der wir zum letzten
Mal vor Erreichen von Marmaris ankern wollten. Bei unserem Eintreffen war dort weit und breit kein anderes Schiff zu sehen und so durften wir uns zum Anlegen eine der für eilige Besucher ausgelegten Muringbojen aussuchen, statt den eigenen Anker zu Hilfe zu nehmen. Trotz heftiger, von den hohen Felswänden der Bucht abgelenkter Fallböen genossen wir hier einen geruhsamen Nachmittag und nach dem Einnachten ein sehr eindrückliches Naturschauspiel mit fast ununterbrochenen Serien von Blitzen hoch oben in der weissen Kuppe einer riesigen Kumuluswolke, die sich über der Gegend von Marmaris aufgetürmt hatte. Dass sich dort an diesem Abend ein äusserst heftiges Gewitter entlud, haben wir erst am nächsten Tag erfahren.
Weil die NICONE und vor allem ihr Kapitän ganz offensichtlich Stalldrang nach der Marina in Marmaris verspürten, beschlossen wir, bereits um 0545 Uhr zur letzten Etappe zu starten. Während Leena noch selig schlief, navigierten Peter und ich in pechschwarzer Dunkelheit mit Hilfe von GPS und Stirnlampen das Schiff ganz vorsichtig zur wirklich sehr engen, beidseitig von Felsen gesäumten Ausfahrt der Bucht und nahmen Kurs auf Kadirga Burnu, das letzte Kap vor der Einfahrt in die Hafengewässer von Marmaris. Bereits um 10 Uhr vormittags konnte die Ansteuerung unseres Ziels beginnen und um 11 Uhr lag die NICONE an Steg M der Netsel Marina in Marmaris fest. Müssig zu sagen, dass uns der letzte Ankertrunk nach der glücklich verlaufenen, abwechslungsreichen Reise äusserst wehmütig stimmte ….

Ziel Marmaris erreicht: Altstadt links und Netsel Marina rechts im Bild
Zum Abschluss dieses Berichtes möchte ich Leena und Peter ganz herzlich dafür danken, dass sie mir erlaubt haben, mit ihnen wenigstens ein kurzes Stück ihrer geplanten, langen Reise mitzuerleben. Mögen die Beiden mit ihrem Schiff möglichst viele ihrer Träume realisieren können ("The Plan", nachzulesen auf der Homepage). Dank Peters Beharrlichkeit und Seriosität, die er früher bereits als Spitzensportler, Lehrer und Fachleiter in Magglingen bewiesen hat, stehen die Aussichten nach meiner bescheidenen Meinung gut. Leena wird ihn nach meinen Beobachtungen bei dem grossen Abenteuer ganz still und leise, aber bestens unterstützen und ergänzen. Mit grosser Spannung werde ich den weiteren Weg der NICONE und ihrer Crew weiterverfolgen und wünsche mir, dass die Zeiger aller Instrumente auf dem Schiff weiterhin immer im grünen Bereich stehen mögen.
Mast- und Schotbruch, lieber Peter ! Näkemiin, liebe Leena !
Der Reisebericht stammt aus der Feder von PD Dr.med. Hans Howald. Er leitete während 16 Jahren das Forschungsinstitut der Eidg. Turn- und Sportschule. Als Ex-Ruderer hatte er früh die Liebe zum Wasser entdeckt und ist selber langjähriger Segler. Viele Törns führten ihn als Skipper ins Mittelmeer, in die Karibik und nach Thailand. Binnen ist er Eigner einer Feeling 286 auf dem Neuenburgersee. Darüber hinaus ist er leidenschaftlicher Basler Fasnächtler, Piccolospieler und Fotograf.
E-mail: hahowald@bluewin.ch